• Testament oder Erbvertrag?

Testament oder Erbvertrag?

12.01.2022

Früher oder später befassen sich viele von uns mit der Frage, was mit ihrem Vermögen nach ihrem Tod geschehen soll. Wer soll Erbe sein oder was soll der einzelne Erbe erhalten?

Ohne eine entsprechende Regelung gilt die gesetzliche Erbfolge: An erster Stelle erben die Nachkommen (Kinder, Enkel, Urenkel). Sind keine Nachkommen vorhanden, geht der Nachlass an die sogenannte zweite Parentel (Eltern, Geschwister, Nichten und Neffen). Sind auch keine Erben der zweiten Parentel vorhanden, fällt der Nachlass an die dritte Parentel (Grosseltern, Onkel und Tanten, Cousins). Der Ehegatte der verstorbenen Person erhält als dessen gesetzlicher Erbe neben Nachkommen die Hälfte, neben Erben der zweiten Parentel drei Viertel und neben Erben der dritten Parentel die gesamte Erbschaft. Das Gesetz regelt somit nicht nur die Erbfolge, sondern auch die Erbquoten. Hinterlässt der Erblasser keine Erben, so fällt die Erbschaft an das Gemeinwesen. Die Erbteilung selbst ist grundsätzlich Sache der Erben.

Nachkommen können vorläufig verzichten
Entspricht die gesetzliche Regelung nicht dem Willen einer Person, kann diese mittels einer letztwilligen Verfügung die gesetzliche Erbfolge ändern oder zum Beispiel Teilungsanordnungen erlassen, wobei die Pflichtteile zu berücksichtigen sind. Das Gesetz kennt zwei Arten von letztwilligen Verfügungen: das Testament und den Erbvertrag. Ein Testament ist eine einseitige Willenserklärung. Die betreffende Person regelt dabei einseitig ihren Nachlass. Der Erbvertrag wird hingegen zwischen dem Erblasser und mindestens einer weiteren Vertragspartei abgeschlossen. Wenn Ehegatten sich beispielsweise bindend gegenseitig begünstigen wollen, müssen sie dies mittels eines Erbvertrags regeln. Anders als ausländische Rechtsordnungen kennt das Schweizer Recht kein gemeinsames Testament. Möglich ist auch, dass mehrere Personen am Vertrag mitwirken. Eine in der Praxis häufig vorkommende Konstellation ist der Erbvertrag zwischen Eltern und ihren Nachkommen. Im Vertrag setzen sich die Ehegatten gegenseitig als Alleinerben ein, um beispielsweise sicherzustellen, dass der Ehepartner weiterhin im Haus wohnen kann. Die Nachkommen verzichten vorerst beim Ableben des ersten Elternteils auf ihre Erbansprüche und erben erst nach dem Ableben des zweiten Elternteils. Der Erbverzichtsvertrag ist eine Variante des Erbvertrags. Beim Erbverzichtsvertrag verzichtet ein Erbe gegen Entschädigung oder unentgeltlich auf sein zukünftiges Erbe. In der Regel geht es bei Erbverzichtsverträgen darum, dass ein pflichtteilsgeschützter Erbe auf seinen Pflichtteil verzichtet.

Testament: eigenhändig, öffentlich oder mündlich
Für die Errichtung des Testaments kennt das Gesetz drei Formen: Erstens das eigenhändige Testament, bei welchem der Erblasser den gesamten Text von Hand schreibt, datiert und unterzeichnet. Zweitens das öffentliche Testament, das durch einen Notar unter Mitwirkung von zwei unabhängigen Zeugen beurkundet wird. Der Vorteil gegenüber dem eigenhändigen Testament besteht darin, dass die Urteilsfähigkeit bestätigt wird. Die dritte Form, das mündliche Testament oder auch Nottestament, kommt nur bei Notfällen in Frage. Also dann, wenn ein schriftliches Testament nicht mehr möglich ist. Der Erblasser kann – vereinfacht dargestellt – seinen letzten Willen mündlich zwei unabhängigen Zeugen mitteilen. Die mündliche Verfügung ist von den Zeugen schriftlich festzuhalten, zu unterschreiben und ohne Verzug bei einer Gerichtsbehörde niederzulegen.

Erbvertrag muss öffentlich beurkundet werden
Ein Erbvertrag bedarf hingegen zwingend der öffentlichen Beurkundung unter Mitwirkung von zwei unabhängigen Zeugen. Das heisst: Die Vertragsparteien unterzeichnen den Erbvertrag vor der Urkundsperson und in Gegenwart der beiden Zeugen. Während ein Testament von der verfügenden Person jederzeit einseitig aufgehoben oder geändert werden kann, ist dies beim Erbvertrag anders: Dieser kann nur aufgehoben oder geändert werden, wenn alle am Vertrag mitwirkenden Parteien mit der Aufhebung oder Änderung einverstanden sind, wobei die Aufhebung der schriftlichen Vereinbarung aller Vertragsschliessenden bedarf. Die Abänderung eines Erbvertrags muss wiederum mittels eines Erbvertrags erfolgen.

Dr. Virginia Demuro (Grundbuchamt und Notariat Kreuzlingen)